Reaktionen auf das GANZIL – Tagebuch

Während des Schreibens an meinem Buch habe ich mich immer wieder gefragt, ob es tatsächlich irgendjemanden geben würde, der sich dafür interessiert, was in solchen Maßnahmen vor sich geht. In Maßnahmen, die deutschlandweit in großer Zahl von Mitarbeitern der Jobcenter, scheinbar vollkommen willkürlich, ahnungslosen arbeitslosen Menschen „angeboten“ werden.

Wer interessiert sich schon dafür, ob seine Steuern für sinnvolle Hilfen ausgegeben werden, wie man es uns glauben machen möchte, oder ob in Wirklichkeit Menschen unter Androhung von Sanktionen in diese Maßnahmen hineingenötigt werden? Wer will davon lesen, dass die Menschen, die unter Zwang in einer solchen Maßnahme gelandet sind, die dortigen „Angebote“ weder benötigen noch in irgendeiner Weise davon profitieren können? Wen soll das alles interessieren?

Diese Fragen wurden umso lauter, je mehr ich in mein Tagebuch eingetragen hatte.

Als dann, einige Wochen bevor ich das Buch veröffentlicht habe, eine Bekannte bei uns zu Hause vorbeischaute, nutzte ich die Gelegenheit und drückte ihr eine kleine Leseprobe in die Hand. Ich bat Sie, sich die zwei oder drei Seiten durchzulesen und mir zu sagen, was sie davon halten würde. Anscheinend ging es ihr ähnlich wie mir. Sie hatte sicher schon das eine oder andere über „so etwas“ gehört, sich aber noch nie ein genaueres Bild davon gemacht. Sowas spielt sich am Rande ab. Niemand erzählt großartig davon. Vieles würde einem eh niemand glauben. Am besten behält man sowas für sich und erwähnt es nicht weiter. Alles andere wäre zu peinlich und wer weiß schon, wie andere darauf reagieren.

Unsere Bekannte jedenfalls reagierte. Schon während des Lesens musste sie den Ausdruck immer mal wieder kurz beiseite legen. Hin und wieder vernahm ich leise Äußerungen der Missbilligung und hin und wieder ein ganz leises, „nicht zu glauben“ oder „das gibt es doch nicht…“. Kopfschütteln. Als sie fertig war, machte sie einen zutiefst betroffenen Eindruck. Was sie da las, konnte sie gar nicht glauben. Anscheinend hatte ich sie irgendwie ganz kalt erwischt. Zum einen wusste sie bis dahin nicht, dass ich an einer derartigen Maßnahme teilnehmen durfte und zum anderen war ihr vollkommen unverständlich, dass mit Menschen dermaßen verfahren wird. Eigentlich wollte sie heute Abend noch grillen, sagte sie mir, jetzt aber könne sie das gar nicht mehr richtig genießen.

Soviel Reaktion hatte ich nicht erwartet. Es tat mir schon fast ein wenig leid, dass ich ihr den Tag auf diese Weise verdorben hatte. Aber mit einer dermaßen emotionalen Reaktion eines nicht betroffenen hatte ich absolut nicht gerechnet.

Dieser Vorfall, so muss man das ja schon nennen, hat mich jedenfalls ermutigt, das Buch weiter zu schreiben und tatsächlich zu veröffentlichen. Natürlich habe ich danach noch einigen anderen einen eine Leseprobe gegeben und nach ihrer Meinung gefragt. Auch wenn die Reaktionen nicht ganz so heftig ausfielen, waren sie doch durchweg positiv, was mich dazu ermunterte, weiter zu schreiben.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es ein paar Menschen geben wird, die sich dafür interessieren, was da so passiert, in diesen Maßnahmen. Und wie ich gesehen habe, handelt es sich dabei nicht nur um diejenigen, die selbst bereits eine dieser Maßnahmen durchlaufen haben oder kurz davor stehen. Auch Menschen mit einem gewissen sozialen Engagement gehören sicher zu denen, die sich durch das Lesen meiner Aufzeichnungen einen besseren Überblick darüber verschaffen können, was da wirklich vor sich geht in diesen Maßnahmen zu Aktivierung arbeitsloser Menschen und deren Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Vielleicht bietet es auch eine Erklärung dafür, warum dieses Vorhaben so oft scheitert und einige Menschen immer wieder in solche Maßnahmen gesteckt werden.

 

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