Leseprobe – Tagebuch einer (Zwangs-) Maßnahme

Jobcenter Eingang

Brief an meinen Sachbearbeiter

Nach allem was ich in der ersten Woche hier erlebt habe und damit meine ich weniger das, was um mich herum, sondern mehr das, was in mir drin passiert ist, verspürte ich das dringende Bedürfnis, den, der aus meiner Sicht für meine momentane Lage verantwortlich war zur Rede zu stellen. Ihn zu fragen, was er sich überhaupt dabei denkt mich oder andere Menschen in eine solche Maßnahme zu stecken. Ich wollte wissen, ob er überhaupt weiß, was dort vor sich geht. Niemand kann doch ernsthaft der Meinung sein, dass diese Maßnahme tatsächlich dazu geeignet ist, jemandem eine fehlende Qualifizierung zu vermitteln. Ich wollte wissen, ob das seine Vorstellung einer besseren Alternative zu einer Umschulung ist. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf, also fing ich an zu schreiben.

 

Sehr geehrter Herr Z., 

als wir im letzten Jahr gemeinsam Lösungen gesucht haben, mich in Arbeit zu bringen, schien es mir, als wären wir uns dahingehend einig, dass eine offizielle Qualifikation, die meine praktischen Erfahrungen, die ich zweifelsfrei auf einigen Gebieten besitze, auch offiziell bestätigen würde. Das war der Grund, warum ich mich auf Ihre Anregung hin bei diversen Bildungsträgern nach entsprechenden Angeboten erkundigte, um dann, nach vorheriger Rücksprache mit Ihnen, im Januar dieses Jahres schriftlich die Übernahme der Kosten einer Umschulung zum Fachinformatiker für Systemintegration zu beantragen.

Telefonisch hatten Sie mir mitgeteilt, dass mein Antrag abgelehnt worden sei, und es eine bessere Alternative geben würde. Einige Monate später schlugen Sie mir eine Maßnahme namens GANZIL bei dem Bildungsträger SiDa vor. Nach Ihren Angaben würde man dort ganz individuell auf mich eingehen. Es wäre eine Art Coaching das mich auf der Suche nach einer Arbeit, die letztlich dazu beitragen soll wieder finanziell unabhängig von staatlichen Leistungen zu sein, unterstützen würde. Was auch ganz in meinem Sinne ist.

Nun, nachdem ich mir dieses Angebot von SiDa mittlerweile seit einigen Wochen näher angeschaut habe, kann ich nicht ganz verstehen, was es mit dem zu tun hat, was Sie mir darüber erzählt haben. Ich treffe dort lauter Menschen mit vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Einige davon sind hoch qualifiziert, andere eher weniger. Gemeinsam scheint allen lediglich die Unfreiwilligkeit, mit der sie an dieser Maßnahme teilnehmen. Einige auch nicht zum ersten Mal.  Nachdem ich festgestellt habe, dass Ihre vage Beschreibung dieser Maßnahme nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat, geht es mir ähnlich. Von Anfang an frage ich mich, was genau hier geschehen soll und wie mir das bei der Verwirklichung unserer gemeinsamen Ziele helfen soll. Auch frage ich mich, ob Sie selbst eine genaue Vorstellung vom Inhalt dieser Maßnahme haben. Haben Sie die? 

Montags und donnerstags findet eine Art Computerkurs statt – für Anfänger. Diese mögen vielleicht tatsächlich davon profitieren, wenn sie lernen, wie sie einen Text in ein weitverbreitetes Textprogramm eingeben. Nach Angaben eines Teilnehmers, würde das Maximale, was man in diesem Kurs lernen könne sein, wie man eine Datei an eine ausgehende E-Mail anhängt. Selbst wenn er damit ein wenig übertreiben würde, wäre dieser Kurs nichts, was dazu beitragen könnte, meine Qualifikation im IT-Bereich zu verbessern.

Dienstags findet der sogenannte „Clever Club“ statt. Teilnehmer wählen sich irgendein Thema, das sie dann gemeinsam bearbeiten. Als ich ihn zum Kennenlernen besuchte, ging es um „Kulturräume Afrikas“. Die Teilnehmer verschwinden dann in die Computerräume und „recherchieren“ zum Thema. Im Wesentlichen werden dann Wikipedia Beiträge zerpflückt und später in fünfminütigen „Vorträgen“ vorgestellt. Und das jede Woche.

Mittwochs finden Workshops statt – auch bewerbungsrelevante. Bisher wohlgehütete Geheinisse werden dort aber auch nicht verraten. Vieles ist bereits allgemein bekannt und ließe sich schnell aus öffentlichen Quellen nachlesen.

Den Gipfel der ganzen Maßnahme stellt sicher der Freitag dar. An diesem „Aktivtag“ werden Ausstellungen, Museen oder andere Orte besucht. Hier findet im Allgemeinen eine einstündige Führung statt, danach gehen die Teilnehmer nach Hause. Auch wenn man diesen Veranstaltungen einen gewissen kulturellen Wert nicht vollkommen absprechen kann, nutzt der überwiegende Teil der Teilnehmer dieses Angebot im Wesentlichen, um nicht den ganzen Tag in den Räumen des Bildungsträgers vor sich hin vegetieren zu müssen. Da man sich zu diesen Veranstaltungen erst deutlich später als 9:00 Uhr, dem üblichen Anfang dieser Maßnahme, trifft und bereits nach rund einer Stunde wieder den Heimweg antreten kann, also auch deutlich vor 15:00 Uhr, dem üblichen täglichen Ende dieser Maßnahme, sind diese Veranstaltungen sehr beliebt bei den Teilnehmern.

Aber auch hier kann ich keinen wirklichen Nutzen für mich sehen, wenn es doch eigentlich darum geht, meine Chancen auf eine wenigstens durchschnittlich bezahlte Arbeit zu verbessern. Vielleicht können Sie mir den vermuteten Nutzen näher erläutern. 

Die Einzeltermine mit meinem Coach, bei denen es um die Optimierung meiner Bewerbungsunterlagen gehen soll, sind wohl das einzig Sinnvolle an dieser Maßnahme, wenn man davon ausgeht, dass die bisherigen Misserfolge ausschließlich auf mangelhafte Bewerbungsunterlagen zurückzuführen sind.

Dieser zielführende und sicher sinnvolle Teil nimmt allerdings lediglich einen verschwindend geringen zeitlichen Anteil der Gesamtmaßnahme ein.  

Natürlich wird immer wieder erwähnt, man könne die Zeit nutzen, um sich an einem der Computer nach offenen Stellen umzuschauen und Bewerbungen zu schreiben. Das könnte ich aber auch problemlos zu Hause und das sicher besser.

Wenn es so viele offene Stellen gäbe, dass man tatsächlich täglich sechs Stunden lang immer wieder neue fände, dann wären auch die Bewerbungen in den vergangenen zwei Jahren sicher erfolgreicher gewesen. Und falls es tatsächlich nur an den verbesserungsfähigen Bewerbungsunterlagen gelegen haben sollte, dass ich keinen passenden Job gefunden habe, dann macht es wohl auch erst Sinn, sich mit den überarbeiteten Unterlagen zu bewerben – oder? 

Lange Rede kurzer Sinn. Ich bitte Sie, mir doch detailliert aufzulisten, warum Sie glauben, dass diese Maßnahme für mich geeignet ist. Welche der zuvor geschilderten Teile der Maßnahme können tatsächlich welches Defizit beseitigen helfen und wann wurde das von wem festgestellt? Auf Grund welcher Fakten halten Sie diese Maßnahme insgesamt für geeignet? Womit begründen Sie die Dauer von sechs Monaten in Vollzeit?

Aus meiner Sicht sind die persönlichen Termine bei denen die Bewerbungsunterlagen überarbeitet werden sicher sinnvoll, rechtfertigen aber sicher nicht den zeitlichen Umfang von 20 bzw. 24 Wochenstunden. Alle anderen Teile dieser Maßnahme sind absolut nicht zielführend.

Es halten sich immer wieder Gerüchte, nach denen solche Maßnahmen weniger wegen ihres Nutzens für den Arbeitssuchenden sondern vielmehr auf Drängen einiger Führungskräfte der Arbeitsagenturen und Jobcenter zustande kommen, die auf diese Weise die bereits im Voraus gebuchten Plätze bei den jeweiligen Trägern dieser Maßnahmen füllen wollen. Andererseits soll dieses Vorgehen dabei helfen, die Statistiken entsprechend zu beeinflussen und einen Erfolg vorzugaukeln, den es tatsächlich gar nicht gibt. Da angeblich Menschen, die an diesen Maßnahmen teilnehmen (müssen), für die Dauer der Maßnahme nicht als arbeitslos gelten.  Ist an diesem Gerücht etwas dran oder können Sie reinen Gewissens bestätigen, dass es nicht so ist?

Mit freundlichen Grüßen 

 

Weitere Informationen bei Amazon: GANZIL – Tagebuch einer (Zwangs-) Maßnahme: Die ersten Wochen einer vom Jobcenter verordneten Maßnahme

 

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