Die Hartz IV Diktatur – Inge Hannemann

Eine Arbeitsvermittlerin klagt an

In ihrem 2015 im Rohwolt Taschenbuch Verlag erschienenen Buch stellt Inge Hannemann, einige unbequeme Fragen. So fragt sie zum Beispiel, warum Hartz-IV-Empfänger in vielen Jobcentern zu Bitstellern Degradiert werden, warum hochqualifizierte Fachkräfte zu sinnlosen Fortbildungen geschickt werden oder warum eigentlich Statistiken wichtiger sind als Menschen.

In einem offenen Brief an ihren Arbeitgeber. die Bundesagentur für Arbeit, stellte sie diese und weitere Fragen. Kurze Zeit später wurde ihr Computer überwacht, Gespräche abgehört und ihr Arbeitsplatz durchsucht, wie sie schreibt. Zuletzt wurde sie freigestellt.

Das Buch von Inge Hannemann verschafft dem Leser einen Einblick in die Arbeitsweise deutscher Jobcenter und die Tragödien, die durch Sanktionen immer wieder ausgelöst werden. Nicht zuletzt zeigt sie auf. wie teuer diese Praxis von Maßnahmen und Sanktionen unseren Staat zu stehen kommt.

Ich bin während meiner Recherchen zu meinem Buch, GANZIL – Tagebuch einer (Zwangs-) Maßnahme, auf das Buch von Inge Hannemann aufmerksam geworden. Als ich mich mitten in dieser vom Jobcenter verordneten Maßnahme wiederfand und einfach nicht glauben wollte, was um mich herum geschah. Bisher hatte ich nur im Fernsehen von solchen Maßnahmen und ihren sinnlosen, oft stupiden, menschenverachtenden Beschäftigungsangeboten gehört. Am besten im Gedächtnis geblieben war mir eine Maßnahme, über die berichtet wurde, bei der die Teilnehmer mit Lamas spazieren gehen mussten.

Nun, da ich selbst mitten drin steckte, in einer dieser Maßnahmen, auch wenn mir das Spazierengehen mit Lamas bisher erspart geblieben war, wollte ich wissen, wie ein Mitarbeiter des Jobcenters auswählt, wen er in welche Maßnahme schickt. Oder war es doch nur eine Bestrafung für irgendetwas?

Inge Hannemann gibt in ihrem Buch Antworten auf diese und viele weitere Fragen.

Besonders aufschlussreich, weil gerade zu  meiner aktuellen Situation passend, war das fünfte Kapitel, Von sinnvollen und Sinnlosen Maßnahmen“. Hier formuliert sie zum Beispiel die Forderung, dass jeder, der in der Agentur für Arbeitet beschäftigt ist, zuvor einen ‚richtigen‘ Beruf erlernt und ausgeübt haben soll. Ihrer Meinung nach kann nur jemand sinnvolle Maßnahmen und Fortbildungen empfehlen, der die richtige Arbeitswelt bereits kennt. Lebenserfahrungen seien das A und O, schreibt sie, das Kapitel einleitend.

Mitarbeiter der Jobcenter seien selbst das, was sie ihren „Kunden“ häufig vorwerfen, faul und träge. Statt gezielt nach freien Stellen zu recherchieren, geben sie sich oft damit zufrieden, ihren „Kunden“ Minijobs, Zeit- und Leiharbeit anzubieten. Statt zu helfen schauen sie angeblich oft nur, wo man Sanktionen aussprechen kann. Hannemann behauptet, dass Maßnahmen, die ursprünglich als Instrument gedacht waren, das den Arbeitssuchenden helfen sollte, würde von Mitarbeitern der Jobenter oft eingesetzt. um ihre „Kunden“ zu schikanieren. Das deckt sich durchaus mit den Erfahrungen einiger Teilnehmer, die ich während meiner Maßnahme befragte.

Hannemann glaubt, dass nur rund 20 Prozent der Maßnahmen zur Weiterbildung sinnvoll sind. Das entspricht ungefähr auch meiner Einschätzung davon, was ich bei meiner Maßnahme als sinnvoll angesehen habe. Rund 20 Prozent meiner Zeit, die ich dort verbracht habe könnte man mit entsprechend großem guten willen als positiv ansehen. „Wir haben zu 80 Prozent Blödsinn finanziert“, zitiert Hannemann Jens Regg, den Geschäftsführer der BA-Regionaldirektion Berlin-Brandenburg.

Zu den sinnvollen Maßnahmen gehören Hannemanns Meinung nach „mehrwöchige Bewerbungstrainings“ für Menschen, „die überhaupt nicht mehr wissen, wie man so etwas heutzutage macht“. Das sehe ich ähnlich. „Mehrwöchig“ und für Menschen, die gar nicht mehr wissen, wie das geht. Auch Auffrischungskurse zu verschiedenen Themen sieht sie als sinnvoll an, wenn sie ins entsprechende Berufsbild passten und die Chancen auf eine Neueinstellung auch tatsächlich erhöhten. Sinnvoll können ihrer Ansicht nach auch verschiedene Qualilfizierungen mit anerkanntem Abschluss sein.

Und dann kam die Antwort auf die Frage, warum ich wohl in dieser Maßnahme stecke. Nicht irgendeine Notwendigkeit, sondern lediglich die Tatsache, dass Plätze in solchen Maßnahmen vom Jobcenter bereits im Voraus gebucht und bezahlt worden sind, führt dazu, dass diese auch besetzt werden müssen. So werden Mitarbeiter der Jobcenter per interner Rundmail aufgefordert, „Kunden“ dort hin zuschicken, damit die Plätze besetzt sind. So bin ich also in diese Maßnahme geraten.

Nun aber weiter: Das Kapitel enthält noch ein paar Beispiele für die Unsinnigkeit verschiedener Maßnahmen und auch hier entdecke ich gewisse Übereinstimmungen.

So wie Frau Hannemann Einsichten aus der Perspektive eines Jobcenter Mitarbeiters liefert, versuche ich in meinem Tagebuch einer (Zwangs-) Maßnahme die Sicht eines Teilnehmers einer vom Jobcenter „verordneten“ Maßnahme zu vermitteln. Mancher mag denken, dass es das fünfte Kapitel der „Hartz IV Diktatur“ aus anderer Perspektive erweitert.

 

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